Fachliche Standard in der Sozialarbeit - gestern - heute - morgen
 
Start
Projektinfo
Wiener Erklärung
Veranstaltungen
Dokumente
Kontakt

Glossar

Gerade über Begriffe, deren Bedeutung und Verwendung lässt sich vortrefflich streiten. Damit diesem wertvollen Widerspruch Nahrung gegeben wird, werden im folgenden – laufend aktualisiert – zentrale Begriffe rund um das Thema Professionalisierung, Fachlichkeit, Standards, Qualität, berufliche Identität dargestellt.
alle - a - g - Q
Qualitätsmanagement (joba)
Soziale Einrichtungen werden seit den 1990ern vermehrt als Ziele, die auch neuer Qualitätsmanagementmethoden bedürfen, in den Blick genommen. Bei der damit losgetretenen Diskussion wurde und wird ein Anspruch nach Veränderung eingefordert und damit transportiert, dass diese Einrichtungen bisher kaum etwas oder zu wenig für die Herstellung und Sicherung guter Arbeitsergebnisse geleistet hätten.

Qualitätsmanagement steht für alle Maßnahmen einer Institution, die dazu dienen sollen, Qualität zu schaffen, zu sichern und zu verbessern. Qualität im allgemeinen Sinne bedeutet Beschaffenheit, Güte oder Eigenschaft - kurz das Wesen eines Gegenstandes. Alltagssprachlich wird Qualität mit Eigenschaften wie Zufriedenheit, Solidität und Gründlichkeit verbunden. Im praktisch wirtschaftlichen Sinn wird versucht, mit dem Begriff Qualität eine Messbarkeit zu vereinbaren. Eine Vielzahl von Einrichtungen zur Feststellung von Qualität, die dieser Auffassung entspricht, haben sich in den letzten Jahrzehnten etabliert, so etwa das österreichische Normungsinstitut (ÖNORM), die internationale Standardisierungsorganisation (ISO/DIS 8402:1991) bzw. das Deutsche Industrie Normierungsinstitut (DIN 55350). Diese definieren Qualität als die Gesamtheit von Eigenschaften und Merkmalen eines Produktes oder einer Tätigkeit, die sich auf deren Eignung zur Erfüllung gegebener Erfordernisse beziehen (vgl. DIN/ÖNORM/ISO). Als Produkt ist hier jede Art von Waren oder Rohstoffen, wie auch der Inhalt von Entwürfen, Plänen und Projekten zusammengefasst, während die Tätigkeiten verschiedenste Dienstleistungen und Prozesse bezeichnen. Damit überprüft werden kann, ob die jeweilige Institution auch die dafür vorgesehenen Normen einhält, werden eigene Zertifizierungsbetriebe gegründet. Entscheidend für das Ausweisen von Qualität wird also die Anerkennung durch eine Zertifizierungsagentur, die ihrerseits ExpertInnen für das Zertifizieren bereitstellt, nicht jedoch für das zu Zertifizierende.

Qualität als neue Perspektive für die Ausrichtung sozialarbeiterischen Handelns scheint insbesondere Folge veränderter Prioritätensetzungen der Sozialpolitik, auch im Sinne des sog. „New Public Managements“ zu sein: Unter den Chiffren „Wettbewerb“ und „Exzellenz“ soll eine wie auch immer geartete Leistungs- und Ertragssteigerung durch Vergleichbarkeit erzielt werden. In speziellen Handlungsfeldern der Sozialarbeit kämpfen Einrichtungen seit je her mit der Dauerthematisierung der Frage nach ihrem theoretischen Konzept. Durch diese Verunsicherung lassen sich mit dem Titel „Qualitätsmanagementdebatte“ neue Steuerungsmaßnahmen leichter ein- und durchführen. Vordergründiges Ziel der Qualitätsmanagementsysteme ist eine Kostensenkung durch Effizienzsteigerung, ein ständiges Erkennen von Verbesserungspotentialen und eine Entwicklung hin zu Wettbewerbsorientierung im Spiegel der Marktwirtschaft. Eine fachliche Argumentation wird zunächst weder eingefordert noch beachtet, obgleich dieser Diskurs auf eine Bewertung der Sozialarbeit in unterschiedlichen Anwendungsbereichen abzielt, also ihre Güte feststellen möchte und somit zu einem genuin sozialarbeiterischen Problem wird (vgl. Bakic 2006).

Im Zuge der Einführung von Qualitätsmanagement sollen auch Standards und Normen greifen, die – neben erheblicher Bürokratisierung von Abläufen, enormen „Qualitätsherstellungskosten“ und einem hohen Zeitaufwand – eine universelle Sprache garantieren sollen. Verbunden mit der Herstellung dieser einheitlichen Terminologie für Begriffe wie „Anforderung“, „KundInnenzufriedenheit“, „Produkt“, „Prozess“, „System“, „Qualität“ und „Qualitätsverbesserung“ müssen sich auch fachliche Begriffe in der Umstellungspraxis dem zertifizierten Sprachduktus unterordnen.

Aktuell wird terminologisch vor allem die „KundInnenorientierung“ in den Mittelpunkt gestellt, deren Bedürfnisse nicht nur erfüllt, sondern übertroffen werden sollen. Für die Sozialarbeit ist dies zumindest in zweifacher Hinsicht eine Herausforderung: Von einer einzigen „Kundin“ bzw. einem einzigen „Kunden“ auszugehen und den KundInnenstatus der AdressatInnen an sich anzunehmen, also einen zumindest hinsichtlich eigener Ansprüche „Kundigen“. Dieser sich abzeichnende Paradigmenwechsel in der Bestimmung der AdressatInnen der Sozialarbeit öffnet eine breite Front an Verständnisfragen, die einer eingehenderen und eigenständigen Analyse bedürften.

Diese Annäherung an Verfahrensweisen der Wirtschaft scheint eine weitere konkrete Umsetzung der zunehmenden „Privatisierung“ der „öffentlichen Dienstleistung Sozialarbeit“ darzustellen. Mit dem Umbau der politischen Zuwendungen für den Sozialbereich kommt es zunehmend zur Veränderung in der Kommunikation und Beziehung zwischen Staat und sozialen Einrichtungen. Dies bedeutet, dass anstelle der individuellen Fördervereinbarungen bzw. Direktfinanzierung durch die öffentliche Hand quasi objektivierte öffentliche Ausschreibungen erfolgen. Sozialarbeiterische Anliegen werden als Produkte definiert und an BieterInnen mit dem besten Leistungsausweis vergeben, es zählen vorab definierte „Outputs“ bzw. „Outcomes“. Damit die Verträge und deren Erfüllung leichter überprüft werden können, wird in der Leistungsbeschreibung ein Qualitätskatalog eingefordert, der Kontrollgrundlage sein soll. Soziale Einrichtungen stehen somit vor der Aufgabe, die Qualität ihrer „Dienste“ zu beschreiben, zu überprüfen und zu sichern, um überhaupt noch weiterbestehen zu können.

Erstes Fazit: Die Qualitätsdebatte wird größtenteils nicht theoretisch-systematisch geführt, sondern schon immer als Umsetzungsproblem der Praxis diskutiert. Die Qualitätsmanagementdebatte weist zwar keine direkt sozialarbeiterisch bedeutsame Kategorie auf, fachlich angemessenes Handeln und der Umgang mit dem der Sozialarbeit innewohnenden „Technologiedefizit“ ist in anderer Hinsicht zu prüfen, als dies eine auf Allgemeingültigkeit abzielende semantische Hülle Qualitätsmanagement verfolgt. Für die Zukunft heißt das gleichwohl eine Dauerthematisierung von „Qualität“, weil die Themenvorgabe auch der Sozialarbeit bekanntlich nicht zuerst fachlichen Diskussionen, sondern öffentlichen Aufgeregtheiten entspringt, frei nach der Parole: Mehr anstrengen, mehr bewegen.

Literatur:
Bakic, Josef (2006) Qualitätsmanagement. In: Dzierzbicka, Agnieszka/Schirlbauer, Alfred (Hg.): Pädagogisches Glossar der Gegenwart. Von Autonomie bis Wissensmanagement - Löckerverlag: Wien (im Druck)

Weiterführende Literatur:
· Beckmann, Christof/Otto, Hans-Uwe/Richter, Martina/Schrödter, Mark (Hg.) (2004): Qualität in der Sozialen Arbeit. Zwischen Nutzerinteresse und Kostenkontrolle. Wiesbaden.
· Galiläer, Lutz (2005): Pädagogische Qualität. Perspektiven der Qualitätsdiskurse über Schule, Soziale Arbeit und Erwachsenenbildung. Weinheim und München.
· Köpp, Christina/Neumann, Sascha (2003): Sozialpädagogische Qualität. Problembezogene Analysen zur Konzeptualisierung eines Modells. Weinheim und München
drucken
seite empfehlen